[Rezension] Nichts von Janne Teller

6. April 2011 § 13 Kommentare

Originaltitel: Intet
Titel: Nichts
Autorin: Janne Teller
Übersetzerin: Sigrid Engeler
Verlag: Hanser
Sprache: Deutsch
Seitenzahl: 144
Erscheinungsdatum: Juli 2010
Preis: Taschenbuch: 12,90 €, eBook. 9,99 €

>> Leseprobe <<

Klappentext

„Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun.“ Mit diesen Worten schockiert Pierre alle in der Schule. Um das Gegenteil zu beweisen, beginnt die Klasse alles zu sammeln, was Bedeutung hat. Doch was mit alten Fotos beginnt, droht bald zu eskalieren: Gerda muss sich von ihrem Hamster trennen. Auch Lis Adoptionsurkunde, der Sarg des kleinen Emil und eine Jesusstatue landen auf dem Berg der Bedeutung. Als Sofie ihre Unschuld und Johan seinen Zeigefinger opfern mussten, schreiten Eltern und Polizei ein. Nur Pierre bleibt unbeeindruckt. Und die Klasse rächt sich an ihm … Eine erschütternde Parabel über das Erwachsenwerden, Erziehung und Gewalt in unserer Gesellschaft.


Lesung

Leitmotive

Sinn des Lebens, Gruppenzwang, Philosophie

Plot

Ich habe in letzter Zeit so viel von diesem Buch gehört und bin ihm so oft in Buchhandlungen begegnet, dass ich mich einfach damit beschäftigen musste. Von dem doch sehr philosophischen Thema völlig angetan las ich zunächst die Leseprobe. „Schlecht“ und „öde“ waren meine ersten Gedanken. Hätte ich nicht ein paar positive Meinungen zu dem Fortgang der Geschichte gehört, hätte ich gar nicht erst weitergelesen. Ab dem Zeitpunkt, bei dem Agnes und die anderen anfangen bedeutungsvolle Gegenstände zu sammeln, um Pierre das Gegenteil seiner tiefgründigen Auffassung zu beweisen.

Vor dem Lesen habe ich nicht gewusst wie brutal die Handlung ist. Ich kannte nur den philosophischen Teil.

Ich habe gedacht, dass mir dieses Buch keinerlei Emotionen entlocken könnte. Doch dann war ich geschockt. Der Berg der Bedeutung im Sägewerk wird immer höher, aber es sind nicht mehr nur Gegenstände. Die Sammelaktionen der Kinder entwickeln sich zum Krankhaften.

Das wäre nicht das Gleiche, sagten wir. »Wie könnt ihr wissen, dass mir mein neongelbes Fahrrad nicht genauso viel bedeutet wie Sofie ihre Unschuld?« Das konnten wir nicht.

Und auch wenn wir äußerst gemischte Gefühle hatten, wurde schließlich vereinbart, dass ihr der große Hans beim Abliefern helfen solle, am nächsten Abend im stillgelegten Sägewerk. Vier der Jungen sollten dableiben und, falls nötig, helfen. Wir anderen wurden nach Hause geschickt, damit uns ja nicht in den Sinn käme, ihr zu Hilfe zu eilen.

Die Wendung am Ende des Buches war beeindruckend. Im positiven sowie im negativen Sinne. Nicht alles ist so rosig beschrieben wie ich erwartet hatte.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – Achtung: Spoiler – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Besonders als Sophie ihre Unschuld verlor und so zu sagen vergewaltigt worden ist, dachte ich: „Was? Das sind doch Siebtklässler!“ Mir wurde klar, dass es nicht nur um den Sinn des Lebens geht, sondern auch um die geistig nicht ganz hellen Jugendlichen. Wer macht denn so etwas? Genauso seltsam aber war, dass sie einem Mädchen die Haare abschneideten. Mal abgesehen davon, dass ihr Haar vorher blau (!?) war, ist das wieder krank. Krank. Kränker. Am kränkesten. Um es mit Tellers Ausdrücken zu sagen.

Als dann auch noch der Hund vom Friedhof, Aschenputtel, den Kopf opfern soll, also geköpft wurde, wollte ich nicht glauben, was ich da las. Erschreckend!

Brutalität ist eindeutig auch ein Thema dieses Buches, das erst im Laufe der Handlung zum Vorschein kommt. Dieser Kontrast der Gewalt und der harmlosen Kinder ist wahnsinnig.

Er lag merkwürdig verdreht da, der Hals nach hinten gebogen, das Gesicht war blau und geschwollen. Blut lief ihm aus Mund und Nase und hatte auch den Rücken der Hand verfärbt, mit der er sich hatte schützen wollen. Seine Augen waren geschlossen, aber das linke war ausgebeult und komisch schief unter der klaffenden Augenbraue zu sehen. Sein rechtes Bein lag vollkommen unnatürlich abgeknickt, und sein rechter Ellbogen bog sich in die verkehrte Richtung.

Was haben sie ihm angetan? Das alles nur wegen seiner Aussage? Und weil er nicht mehr zur Schule kam? Er hat sie nicht einmal richtig provoziert. Das zeigt wie labil diese Kinder geistig sind. Sie kommen nicht klar mit dem, worüber Pierre sprach.

Wir fragten nicht nach Pierre Anthon, und es verging einige Zeit, bis sein Verschwinden am Tag zuvor mit dem Brand im Sägewerk in Verbindung gebracht wurde. Das geschah erst, als man gegen Abend seine verkohlten Überreste in der Brandstelle fand. In der Nähe dessen, was einmal der Berg aus Bedeutung gewesen war.

Erst der Hund, dann Pierre. Ich habe manche Zeilen mehrmals gelesen, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Sie waren Mörder. Alle.

Als die Polizei auf die Idee kam, Pierre Anthon habe den Berg aus Bedeutung in Brand gesteckt, weil er nicht akzeptieren wollte, dass wir die Bedeutung gefunden und damit Berühmtheit erlangt hatten, widersprachen wir nicht. Es war nur traurig, dass er selbst im Feuer gefangen worden war.

Sie lügen und vertuschen. Die Moral fehlt völlig. Entweder hatten sie sie vorher schon nicht oder sie ist während des Sammelns verflogen. Meine Güte, diese Kinder graben sogar einen Sarg aus. Ist das normal? Von den restlichen Opfergaben will ich gar nicht erst anfangen …

Unglaublich. Obwohl ich das Ende schon verstanden habe, finde ich, wird die Krankheit und der Wahnsinn dieser Kinder noch nicht deutlich genug. Sie sind doch keine normalen Jugendlichen. Kriminelle, die davon gekommen sind. Das ist eine bessere Beschreibung.

– – – – – – – – – – – – – – – Spoiler Ende – – – – – –  – – – – – – – – – – –

Das dieses Buch auch als Schullektüre gehandelt wird, leuchtet mir ein. Die Jugendlichen damit zu konfrontieren halte ich für unbedenklich.

Charaktere

Pierre Anthon

Im ersten Textabschnitt erfährt der Leser über Pierre, dass er und sein Vater in einer Kommune im Taeringvej Nr. 25, was einst ein Bauernhof war, wohnen und diese Kommune, von der gesprochen wird, ein Hippiezusammenschluss ist. Pierres Kommentare haben mir meistens sehr gut gefallen. Er hat sich Gedanken gemacht über ein Thema, das viele beschäftigt: den Sinn des Lebens.

Am Ende des Buches habe ich mich gefragt, ob Pierre nicht vielleicht depressiv war. Wer keinen Sinn im Leben sieht, ist womöglich selbstmordgefährdet. Ware seine Eltern nicht besorgt um ihn?

Weitere Charaktere

Die meisten Charaktere werden zwar beschrieben, sind jedoch trotzdem sehr eindimensional. Sie unterliegen dem Gruppenzwang, trotz der Brutalität, die während des Sammelns zu Tage kommt, das zu tun, was von ihnen verlangt wird. In vielen anderen Rezensionen waren die Verfasser der Meinung, dass sie nach Beenden des Buches gar nichts über die Charaktere wissen würden. Das liegt womöglich daran, dass man keinerlei Verbindung zu den Charakteren aufbauen kann. Man erfährt jedoch recht viel über die Charaktere; allein schon dadurch, welche Gegenstände (oder nicht-materielles) sie opfern müssen.

Bis zum fünften Kapitel wird der Name der Ich-Erzählerin Agnes nicht einmal erwähnt. Dies hat mich besonders bei der Leseprobe gewundert. Hatte ich den Namen überlesen? Aber das hatte ich nicht. Auch wird nicht viel über Agnes gesagt. Die Schülerin der 7a hat strähniges Haar und würde ihrer Freundin Marie-Ursula vieles nachahmen, wenn ihre Mutter es ihr nicht verbieten würde.

Sofie sprang als Erste, und wären wir anderen stehen geblieben, hätte Pierre Anthon sie leicht abschütteln können. Aber das taten wir nicht. Zuerst folgte Jan-Johan, dann Hussein, dann Frederik, dann Elise und dann Gerda, Anna-Li, der fromme Kai, Ole und der große Hans, und dann gab es fast keinen Platz mehr für noch mehr, die alle auf einmal Pierre Anthon schlagen und treten wollten.

Schreibstil

Der Schreibstil ist sehr kindisch bzw. jugendlich und viel zu einfach, was auch am kurzen Satzbau und den unkonventionellen Begriffen liegt. Auch schreitet die Handlung in einem Affentempo voran. Nach den ersten fünfzig Seiten habe ich mich gefragt, was denn danach noch passieren soll.

Blau. Mehr blau. Am meisten blau.

Am schrecklichsten fand ich die dreiteiligen Steigerungen, als Fachbegriff wird Klimax verwendet, die mir am Ende fast jedes Abschnittes entgegen sprangen. Ein Tick der Autorin? Auf jeden Fall ein störendes Stilmittel.

Ein Stein. Zwei Steine. Viele Steine.

Das Buch ist einfach sehr oberflächlich und flüchtig geschrieben.

Erzählperspektive

Wie schon erwähnt wird aus der Sicht eines der Mädchen erzählt, Agnes.

Ein sowohl erschreckendes als auch tiefgründiges und sehr brutales Werk Tellers. Es lässt sich schnell lesen und vom Schreibstil her nicht anspruchsvoll. Es lohnt sich das Buch zu lesen. Es ist nicht spannend und die Charaktere nicht liebenswert, aber dieses Buch regt zum Nachdenken an.

Wenn ich es mit den anderen Büchern vergleiche, denen ich drei Sterne vergeben habe, würde ich viel lieber diese lesen. Geschmackssache. Doch besonders die letzten Seiten waren schockierend. Niemals hätte ich dieses Ende erwartet. Es klang so langweilig und harmlos, was es anfangs durchaus auch war. Zu bemängeln ist das Preis-Leistungs-Verhältnis. Sonst lese ich Bücher mit über 400 bis 800 Seiten. Dieses hat lediglich 139 und das zu einem Preis von fast 13 Euro.

Durch die Brutalität macht dieses Buch auf sich aufmerksam. Übertreibung ist hier ein gut eingesetztes rhetorisches Mittel. Die Diskussion über ein Verbot dieses Buches erscheint mir doch sehr undurchdacht und unglaubwürdig. Oft wird es als „brutales und mutiges Buch“ beschrieben. Schade finde ich, dass im Klappentext schon so viel verraten wird.

Das Buch ist übrigens bereits vor zehn Jahren als dänische Originalausgabe erschienen und erhielt Literaturpreise.

Wer ein Fan dieses Buches der dänischen Autorin Janne Teller ist und diese Rezension schon als nicht gerecht empfindet, sollte diesem Link folgen und sich die Video-Rezension einer YouTuberin anschauen, die genauso ihre eigene Meinung vertritt wie jeder andere auch. Wenn ein Buch in einer Rezension schlecht bewertet wird, ist das eben so.

Plot: 3/5
Charaktere: 3/5
Schreibstil: 1/5
Spannung: 2/5
Titel: 4/5
Cover: 3/5
Ende: 4/5
Preis/Leistung: 1/5
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§ 13 Antworten auf [Rezension] Nichts von Janne Teller

  • Bücherwurm sagt:

    „nicht anspruchsvoll“ „kein bedeutendes werk“?? so so… mir scheint du hast die hälfte des Buches nicht ganz verstanden…

  • Libby sagt:

    Und du hast es gelesen und „richtig“ verstanden? ;)
    Jeder hat nun mal seine eigene Meinung zu einem Buch. Wenn ich deine Meinung kopieren soll, sag Bescheid!?
    Außerdem meine ich „Nicht anspruchsvoll“ im Sinne vom Schreibstil und nicht vom philosophischen Inhalt her.
    Und für mich ganz persönlich ist es „Kein bedeutendes Werk“. Ja, da kann man sich drüber streiten, und wahrscheinlich wird es eines Tages zum Klassiker, aber das hat nichts mit meiner eigenen Meinung zu tun. Es besteht immer noch Meinungsfreiheit. Wenn du Jane Austens Werke nicht bedeutend fändest, würde ich dir nicht zustimmen. So ist das halt. Nur weil die Masse das Buch gut findet, muss ich das noch lange nicht.

  • Hanna sagt:

    Wir mussten das Buch in der Schule lesen. Aber keiner von uns wollte das wirklich.
    Zwar wird es am Ende besser, aber immer noch nicht wirklich berauschend. . .
    Ich denke da gibt es zweigeteilte Meinungen und das ist auch gut so.
    :)

  • Buchnixe sagt:

    Mir gehen diese ganzen Diskussionen ziemlich auf den Geist.
    Ob irgendjemand das Buch nun mag oder nicht hat doch nichts damit zu tun, dass das Buch als „großartig“ abgestempelt wird.
    Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht lesen. Nie. Meine Entscheidung. Punkt.

  • […] der Protagonistin Liz identifizieren konnte noch fand ich die Handlung interessant. Genau wie bei Nichts. Was im Leben wichtig ist von Janne Teller ist die Grundthematik (hier: „Suche nach dem eigenen Ich“) […]

  • […] Das Mädchen im Licht hat mich an Nichts. Was im Leben wichtig ist von Janne Teller erinnert. Bei beiden Romanen steht eine interessante Thematik im Vordergrund, die […]

  • Buchnixe sagt:

    Tja, von wegen… Ich MUSSTE es jetzt leider doch lesen… in der Schule… Ich fands ganz in Ordnung. Aber eben kein spannender Roman. Die Rezension dazu werde ich auch irgendwann noch schreiben.

  • Libby sagt:

    Oh, das tut mir leid. Ist schon traurig, wenn man in der Schule immer Bücher lesen muss, die man eigentlich niemals lesen würde. ;)

  • teresa sagt:

    Ich finde das Buch eigentlich ziemlich gut.Klar, der Schreibstil ist nicht brilliant und es ist schnell zu lesen, aber allein dadurch, dass Janne Teller es schafft den Leser über das Thema Bedeutung nachdenken zu lassen, finde ich eine Top-Leistung.

  • […] in der deutschen Literatur gehandhabt wird. Was ich auch vermeiden will sind Diskussionen wie bei Nichts von Janne Teller, das ja anscheinend auch für sehr gut gehalten wird. [Was wiederum nicht […]

  • aha... :((( sagt:

    ich fand das Buch anfangs soooooo langweilig!!!
    ich bin jedesmal aufs neue eingeschlafen. aber ich konnte mich geradeso dazu durchringen weiterzulesen. Aber später wurde es schon interessant(wegen der Brutalität).
    Und ich find es auch echt unglaublich, dass diese kids (ich mein, immerhin sind die erst in der 7. KLASSE!!!! ), so brutal und herzlos sind!!!
    Einfach nur bescheuert und sehhhhr dumm!

  • Jessica sagt:

    Wir entwickeln jetzt auf den Grundlagen des Buchs ein Theaterstück, denn in unserer Theatergruppe ist so gut wie jeder Charakter, der im Buch beschrieben wird, enthalten.

    Als ich das Buch gelesen habe war ich begeistert. Weil die Charaktere findet man eigentlich in jeder Klasse wieder. Man kann sich mit dem Buch identifizieren. Ich finde gerade toll, dass das Buch verständlich geschrieben ist und nicht viele Schachtelsätze enthält, die man erst nach drei mal lesen versteht.

  • aaaa sagt:

    nur brenholz alter das buch riecht wie aus dem arsch gezogen
    das buch ist scheisse
    das buch isst scheisse
    wenn man schon hört „nichts was im leben wichtig ist“ dann weis man sofort das ein zurückgebliebener erstklässler die autorin ist wer das buch nicht scheisse findet ist scheise

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